Zu Sylvester ins Cliff-Hotel auf Rügen 1993
Sylvester 1993/1994 auf Rügen (Sellin, Cliff-Hotel)

Zu Sylvester ins Cliff-Hotel auf Rügen 1993

Sellin (Rügen), 31.12.1993

Gemeinsam sind Birgit und Andreas zusammen mit Karin, Georg, Erik und Katy über Sylvester und Neujahr in das Cliff-Hotel in Sellin (Rügen) gefahren, um dort gemeinsam den Jahresausklang zu begehen. Das Cliff-Hotel bot ein besonderes Sylvester-Arrangement an. Wir haben diesen Kurzurlaub genutzt, um uns einige Sehenswürdigkeiten auf der Insel und der Umgebung anzusehen.

Eine Beschreibung zur Geschichte des Cliff-Hotels in Sellin: (Zitat)

„Ständig neue Ideen

Die Spitzen des alten SED-Staates konnten in einem eigenen Hotel auf Rügen Urlaub machen.
Der Mann drückt seine Nase an die verschlossene Glastür. Stumm blickt der 64jährige Paul Hartmann aus Leipzig in das Foyer der Edelunterkunft „Am Wald“ auf Rügen.
Der Alte ist an diesem Tag nicht der einzige Spaziergänger auf der Steilküste zwischen Sellin und Baabe. In den getönten Glasfronten des sechsstöckigen Gebäudekomplexes, der sich palastartig über schmucklose Häuser im Dorf erhebt, spiegeln sich viele Kurgäste. Das Volk bestaunt sein Eigentum: das „Erholungsheim des Zentralkomitees“ der SED, bis vor kurzem noch von Sicherheitskräften bewacht und mit Stahlgittern geschützt.
Hier suchten in den Sommermonaten die Stophs, die Axens, Kleibers, Neumanns und Familie Honecker Erholung vom realen sozialistischen Alltag. Man war unter sich, auch im Winter zur alljährlichen Silvester-Feier mit großem Feuerwerk. Nur in diesem Jahr sind die Genossen verhindert.
Die Feier fällt aus, das Haus ist geschlossen. Hals über Kopf mußten die letzten 60 Gäste vor drei Wochen ihre Koffer packen, als erzürnte Bürger an die Türen trommelten und riefen: „Wir holen euch da raus.“
Am 2. Januar vollzieht sich die Wende auch im Ferienheim: Dann eröffnet Karl-Heinz Pyritz, 40, der langjährige stellvertretende Leiter des ZK-Hauses, an gleicher Stelle unter gleichem Dach das „Cliff-Hotel“. Wie die meisten der etwa 150 Mitarbeiter im ZK-Heim war der Neue ein Mann der ersten Stunde. Seit Eröffnung des 70-Millionen-Mark-Komplexes 1978 machte er eine steile Karriere: vom Küchenchef zum Stellvertreter des früheren Heimchefs Fritz Uhlig, der für seine straffe Personalführung bekannt war.
Die ZK-Bauherren hatten es damals an nichts fehlen lassen. Vom hauseigenen Strand-Fahrstuhl über Schwimmbad und Sauna bis hin zu komfortablen „4-Raum-Suiten“ – ausschließlich reserviert für Spitzenfunktionäre wie Honecker und Krenz. Nachtbars, ein Kleinkino, hauseigenes Fernsehprogramm, eine Bowlingbahn, Bibliothek sowie ein „Erlebnisbereich“ mit einarmigen Banditen und Videospielen sorgten für geistige Ablenkung bei den Ost-Berliner Einheitssozialisten, eine Ärztin und ein Physiotherapeut für ihr körperliches Wohlergehen – mit Vollpension für einen Tagessatz von 15 Mark-Ost.
Der Service konnte sich sehen lassen. „Man war stolz darauf“, so der gastronomische Leiter Matthias Scheibe, 29, „Mitarbeiter des Parteiapparates zu sein.“ Für das Service-Kollektiv lautete die Losung „ein ,Geht nicht‘ gibt’s nicht“, berichten ehemalige Beschäftigte.
Wenn ein Spitzengenosse Schnaps aus Thüringen geordert habe, sei der mit hauseigener Trabi-Stafette von dort besorgt worden. Für den Genossen Egon Krenz, der jeden Morgen exakt 2000 Meter joggen wollte, „radelten gleich mehrere Leute los, um die Strecke abzumessen“. Ex-Politbüromitglied Hermann Axen war hausbekannt für Sonderwünsche. Als er vor einigen Jahren mit seinem Enkel im beheizten Schwimmbad tauchen übte, „mußte eine Unterwasserlampe her, so schnell wie möglich“.
„Noch schlimmer als die Spitzenfunktionäre gebärdete sich die zweite Garde“, erzählen frühere Mitarbeiter. Als der damalige ZK-Abteilungsleiter Karl Raab vor einigen Jahren seine Nase über die nahe gelegene Kläranlage rümpfte, reagierten die Behörden prompt. Fortan wurden die Abwässer von drei umliegenden Gemeinden in den Selliner See umgeleitet, der seitdem, so der Volksmund, „zur Drecksbrühe“ verkommen ist. Andere Abteilungsleiter pfiffen das Personal zusammen, wenn beim Essen eine Käsesorte fehlte. Und als eine Putzfrau eines Tages kundgab, das Zimmer der Honecker-Tochter „sieht aus wie ein Saustall“, war das ihre letzte Schicht.
Besser erging es einer Kollegin. Sie heiratete den Sohn von Ex-ZK-Mitglied Alfred Neumann und wurde fortan von Heimdirektor Fritz Uhlig nur noch mit Bruderkuß empfangen.
Weniger herzlich sprang Uhlig, der jetzt in den vorgezogenen Ruhestand eilte, mit anderen Untergebenen um. Dank seiner Regie werkelten die Beschäftigten in ihrer Freizeit an Bauernmöbeln für die Urlaubstombola der Feudal-Funktionäre: „Ständig gab es neue Ideen, um die Genossen zu unterhalten.“
An „Ungarischen Abenden“ steckten die Bediensteten in Pußta-Kostümen, am „Mecklenburgischen Abend“ servierte das Personal in Landestracht.
Sozialismus verkehrt. Die Parteimonarchen hielten oben hof, während die Insulaner – schon immer miserabel versorgt – unten in ihren Läden Schlange standen. Oben gab es alles, was der Kadermagen verlangte. „Zuerst wurde das Heim beliefert“, berichten frühere Mitarbeiter, „und was dann übrigblieb, kam in die Läden.“ Täglich frische Schnittblumen, exotische Früchte, Gemüse, Fleisch, „von all diesen Sachen hat die Bevölkerung nie was gesehen“.
Aufsehen erregten einzig die großen, dunkelblauen Volvos, die Jahr für Jahr durch die Dörfer fuhren. „Es war immer erstaunlich ruhig hier“, so Dorfbewohner heute. Nur im Winter 1978/79 gab’s eine Ausnahme. Damals waren die Dörfer eingeschneit, und FDJ-Chef Egon Krenz sollte per Hubschrauber nach Ost-Berlin ausgeflogen werden. Erstmals standen da die Dörfler auf und zwangen den Funktionär, einen schwerkranken Mann mitzunehmen.
Aber eigentlich habe man nie Schwierigkeiten mit den Dorfbewohnern gehabt, resümiert Direktor Pyritz. Die Menschen hätten akzeptiert, daß es „auch in diesem Staat repräsentative Einrichtungen für die Regierung geben mußte“ – bis auf einen Irrläufer.
Der Mann wollte in der Nachtbar des Erholungsheimes seine Zeche bezahlen und machte sich damit ungemein verdächtig. Der Sicherheitsapparat entlarvte ihn als Eindringling. Die Folge: eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und 300 Mark Geldstrafe.“

DER SPIEGEL 52/1989
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[Album: 1993-12-31 Zu Sylvester ins Cliff-Hotel auf Rügen]

 

Dr. Glombik Andreas

Andreas wurde am 24.07.1961 in Bremen-Blumenthal geboren. Er studierte in Erlangen-Nürnberg, am Paul-Scherrer Institut (CH), am Rutherford Appleton Laboratory (Oxford, Didcot, UK). Heute arbeitet er als Unternehmensberater bei der macros Consulting Group. Mobil: +49 170 331 2221

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